“Bertram Schilling” von Kenneth Pils
Die gegenständliche Abstraktion der abstrakten Gegenstände
Von Stefan Lindl
Prof. Dr. Stefan Lindl (* 1969 in München) ist ein deutscher Kunsthistoriker, Historiker und Essayist
Er schrieb das Vorwort für Bertram Schillings Katalog “Zentrale Provinzen” zur gleichnamigen Austellung in der Kunsthalle Kempten 2005.
Getrennt: Idee und Gegenstand
Ernüchternder Augenblick der Einsicht: Ohne die Abstraktion wären wir in Vielfalt verloren, sähen wir den Wald vor Bäumen nicht. Andererseits stünden wir ohne die Gegenständlichkeit im langweiligen Einheitsdunkel der Abstraktion, verirrten wir uns in einem Wald ohne Bäume. Ob es nun ein Mischwald, Fichten- oder Laubwald wäre - einerlei. In der Abstraktion sind diese Baumformationen einfach nur Wald, der möglicherweise auch aus Straẞen- und Verbotsschildern bestehen könnte. Die Unterschiede der Wälder sind gleichgültig für hyper-abstrahierende Menschen. Denn sie nehmen das Vielfältige in seiner Vielfalt nicht wahr, sondern nur als Einfalt, als abstrakten Wald. Der Wald ist langweilig und gefährlich, denn Wald ist gleich Wald und vielleicht lauert obendrein in jedem Wald ein böser Wolf. Die Bäume, als gegenständliche Individuen gesehen, sind dagegen aufregend schön, ihre genaue Betrachtung aber äußerst zeitraubend. Wenn der nicht-abstrahierende Betrachter sich in den Einzelheiten der Gegenstände verliert, dann kommt er nirgends an. Er zergeht freudig im Detail. Hier sieht er eine schöne, prächtige Flechte, die es sich auf einer wundervollen Rinde gemütlich gemacht hat, dort ein entzückendes Vogelnest, eine bedauerliche Verletzung am Stamm, eine lustige Form, dort einen romantisch-skurrilen, ausschweifenden Ast. Der absolut abstrahierende Mensch dominiert die Vielfalt, schert sie über einen Kamm. Dagegen wird der absolut gegenständliche Mensch von der Vielfalt dominiert. Beide Spezies sind arm dran, denn die Idealisten, die Abstrahierenden, verkürzen die Vielfalt des Außens auf die Begriffe ihrer Köpfe. Die gegenständlichen Menschen, die Realisten, achten die Vielfalt des Außens und verkürzen die Fähigkeiten ihrer Köpfe. Sie können nichts verändern, weil sie keine abstrakten Ziele und Ideale haben. Sie stehen bewundernd vor den Dingen, schauen herum und sagen: "Ach, wie ist das alles schön!" So sind die einen zu aktiv, während die anderen zu passiv sind. Die einen ordnen alles unter sich, die anderen ordnen sich unter. Die einen verblenden die Wirklichkeit mit ihren Begriffen, negieren die Eigenständigkeit des Außens, die anderen gaffen die nackte Wirklichkeit an, ohne ihre Blicke von ihr abwenden zu können, um eigenständig aus ihren Gedanken zu leben. - Menschliche Wahrnehmung ist ein echtes Dilemma!
Vereint: Ideal sowie Real
Bertram Schillings Malerei liegt zwischen diesen beiden Polen des menschlichen Wahrnehmens. Sie ist abstrakt und gegenständlich zugleich. Ist ideal und doch auch real, wirft Kategorien auf, also reduziert die Vielfalt, um gleichzeitig die Vielfalt des Seienden zu achten. Schilling kennt den Wald und seine Bäume darin, ohne sich in den verzehrend gefräßigen Einzelheiten zu verlieren oder die Vielfalt komplett zu ignorieren. In seiner Malerei hat Schilling einen Mittelweg für sich entdeckt, um mit den beiden scheinbar sich widersprechenden Eigenschaften, Abstraktheit und Gegenständlichkeit, spielerisch umzugehen. Abstraktheit reduziert die Vielfalt, homogenisiert. Gegenständlichkeit fördert die Vielfalt, heterogenisiert. Bertram Schilling tut in seiner Kunst beides. Es wären viele darstellerische Möglichkeiten denkbar, um Bildinhalte abstrahierend zu reduzieren. Die Auflösung in monochrome Farbbereiche oder in abstrahiert-konstruierte Formen. Doch Schillings Bilder haben meist den Anschein der Skizze, also des flüchtig Gestalteten. In der Skizzenhaftigkeit besteht seine Reduktion der Vielfalt. Hintergründe werden kaum herausgearbeitet und haben nicht die Funktion, einen Vordergrund einzubinden. Oft ist der Hintergrund die grundierte Leinwand selbst.
Genausowenig wie ein ausgearbeiteter Hintergrund existiert, gibt es keine besondere Vormachtstellung des Vordergrunds. Gleich, nicht-hierarchisiert erscheinen die Bildelemente vor den Augen des Betrachters. Auf der Leinwand finden sich oft nur schnelle Linien, jedoch nicht allzu abstrahiert und gegenstandsfern, sondern nur reduziert-gegenständlich. Sie kann der Betrachter sofort in innere Bilder umsetzen: Bäume, Felder, Wege, Straßen, Flüsse, Gebirge, die Schönheit einer Seenszenerie oder einer bewaldeten Landschaft. Schilling malt Assoziationshilfen, die von den Betrachtern mit eigenen, inneren Bildern beantwortet werden. Dem See wird ein kognitives Bild, erschaffen aus einem individuellen Erlebnis des Betrachters, hinzuassoziiert. Ein Gebirgsbild von Schilling beantwortet eine innere Vorstellung eines Berges in detaillierten Erinnerungen, möglicherweise verbunden mit signifikanten Erlebnissen auf Wanderungen in den Bergen. So bindet Bertram Schilling jeden Betrachter individuell in den Sinn-Gestaltungsprozess seiner Bilder mit ein. Der Betrachter soll hinzugestalten. Er steht als freier Mensch vor den Bildern, ist kein Sinnsklave des Malers. Deswegen können vor seiner Malerei so viele Bild- und Erzählwelten entstehen, wie sie Betrachter findet. Das gemalte Bild in seiner reduzierten Gegenständlichkeit absorbiert und dominiert den Betrachter nicht, es lässt ihm die Freiheit, seine eigenen Vorstellungen auszuleben.
Die Malerei Schillings ist abstrakt genug, dass sich der Betrachter nicht in den Details verliert, andererseits gegenständlich genug, damit er Gegenstände erkennen und dazu assoziieren kann. Für den Künstler gibt es das Problem der Wahrnehmung nicht, das sich in dem Spruch "Den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen" ausdrückt. Seine Bilder tarieren den Begriff Wald und die wirklichen Bäume aus. Er kennt den abstrakten Wald, aber auch die gegenständlichen Bäume. Schillings künstlerische Absicht ließe sich als Spiel zwischen Abstraktion und gegenständlicher Wirklichkeit beschreiben.
Deswegen haben Betrachter die Wahl: Entweder sie lassen sich durch die reduzierte Gegenständlichkeit verführen, in das Reich ihrer eigenen Vorstellungen und Erinnerungen einzutauchen, oder sie können sich an den reduzierten Strukturen und Mustern der Wirklichkeit erfreuen, die ihnen Schilling mit Witz und Ironie vorstellt.
Die Welt als Struktur und Vorstellung offenbart die abstrakte Seite seines Malens. Der Künstler deutet damit auf unsere kognitive Fähigkeit, die Wirklichkeit geradezu reflexartig zu klassifizieren: durch die Mustererkennung. Signifikante Muster erlauben es den Menschen, sehr schnell bestimmte Strukturen in der Wirklichkeit richtig einzuschätzen. Muster sind dafür verantwortlich, Gesichter bestimmter Menschen aus verschiedenen Perspektiven zu identifizieren. Sie sind auch notwendig, um Gruppen von Gegenständen zu bilden. Durch sie wird es uns möglich, schnell und ohne groẞes Zögern zu handeln und zu reagieren.
Abstraktes Muster und gegenständliches Ding vereint Bertram Schilling in seinen Bildern. Er leuchtet einen für die Kunst essentiellen Spannungsbogen aus, der sich über dem Nichtgegenständlichen auf der einen Seite und dem Gegenständlichen auf der anderen auftut. Diesen Spannungsbogen trägt er auch an die Betrachter seiner Malerei heran. Für sie sind seine Bilder reduziert-gegenständliche Wälder, deren Bäume in ihren Köpfen wachsen. In den Bildern sehen sie die Muster der Wirklichkeit, in ihren Köpfen können sie sich assoziierend verlieren in Erinnerungen und Vorstellungen einer detailreichen Innenwelt.